Kirche geht unter die Leute

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 Begegnungsstätte „Lebens L.u.S.T.“ am Wahrener Rathaus eröffnet

 
Die gespendeten Möbel – Sitzgruppen, Tische, Stühle – stehen noch übereinander gestapelt in der ehemaligen Küche. Der Fußboden in den früheren Gasträumen ist gereinigt, die Wände sind frisch gemalert. Neue Lampen hängen an der Decke, stehen auf den Fensterbänken. Was noch fehlt, ist eine kleine Küche. So sah es noch Ende Oktober 2010 aus in der ehemaligen Gaststätte „Alt-Wahren“ in der Georg-Schumann-Straße 326, direkt gegenüber dem Wahrener Rathaus.

Mittlerweile hat dort die ökumenische Begegnungsstätte der (damals noch) vier Schwesterkirchgemeinden Lindenthal, Lützschena, Möckern und Wahren und der katholischen Gemeinde St. Albert in Wahren eröffnet. Der Name ist Programm: „LEBENS L.u.S.T.“ - wobei die Abkürzung für „Leib und Seele Treff“ steht. Auf Postkarten, die fleißige Helfer kurz vor der Eröffnung am 4. November in umliegenden Geschäften verteilt haben, ist die Rede vom „Wohnzimmer mittendrin“. Genau das soll es sein: „Wir wollen offen sein für alle“, sagt Hans-Reinhard Günther, Vorsitzender des Fördervereins Gemeindeaufbau der Ev.-Luth. Gnadenkirche Leipzig-Wahren und einer derjenigen, die das Projekt vorantreiben.

Offen für alle, und das mit möglichst vielfältigen Angeboten: von der Krabbelgruppe bis zum Seniorenfrühstück, von der Vorleserunde bis zur (Selbst-)Leseecke, vom gemeinsamen Musizieren bis zur Kinderspielecke mit Tobematten. Einmal pro Woche steht einer der beteiligten Pfarrer zu Gesprächen bereit. „Möglich ist vieles“, sagt Hans-Reinhard Günther, „wir werden sehen, wie es sich entwickelt.“ Zwei getrennte Räume – rund 60 und rund 30 Quadratmeter groß – erlauben es, unterschiedliche Angebote gleichzeitig zu unterbreiten. „Es gibt viel Interesse aus den Gemeinden“, weiß er. Aber natürlich sollen nicht nur Gemeindemitglieder erreicht werden.

Wir müssen unter die Leute gehen und die Hemmschwellen abbauen für diejenigen, die mit Kirche nichts am Hut haben“, sagt Hans-Reinhard Günther. „Es ist wichtig“, meint Frauke Wiesmann, die wie er im Leitungsgremium sitzt, „Gemeinde wieder stärker ins Blickfeld aller zu rücken“. Und das möglichst unkompliziert: „Keine Voraussetzungen, keine Anmeldung, völlig unverbindlich, spontane Neugier genügt!“ so Frauke Wiesmann. Sie und ihre Mitstreiter setzen auch auf die zentrale Lage direkt am Wahrener Rathaus – und die durchgängigen Öffnungszeiten dienstags bis donnerstags von 10.00 bis 17.00 Uhr. „In den Pfarrhäusern gibt es wegen diverser Veranstaltungen keine Räume, die durchgängig drei Tage frei wären“, so Hans-Reinhard Günther, zudem liege gerade das Wahrener Pfarrhaus für viele doch recht versteckt. Allerdings fiel die Wahl nicht nur wegen ihrer Lage auf die ehemalige Gaststätte. Als Alternative wären leerstehende Läden in Frage gekommen, doch die sind in aller Regel kleiner. Und das frühere Gasthaus hat noch einen anderen, nicht zu unterschätzenden Vorteil: komplette Toilettenanlagen auf dem neuesten Stand.

Während der Öffnungszeiten betreuen jeweils zwei bis drei ehrenamtliche Helfer den Leib und Seele Treff. „Wir haben viele Anfragen von Leuten, die sich gerne einbringen würden“, freut sich Hans-Reinhard Günther. Allerdings könne man noch gut Unterstützung durch weitere Helfer gebrauchen, sagt Frauke Wiesmann. Schließlich solle das Angebot zeitlich und inhaltlich noch weiter entwickelt werden. „Am einfachsten kommen Interessierte direkt während der Öffnungszeiten vorbei und sprechen uns an“, sagt sie, die sich selber vorstellen kann, Beratungen in Konfliktsituationen anzubieten.

Aber auch wer einfach nur auftanken will, ist willkommen: Die Helfer schenken bei Bedarf auch Kaffee, Tee und alkoholfreie Getränke aus. Gegen Spenden. Auch Kuchen soll es geben, nach Möglichkeit gesponsert von Bäckereien. Überhaupt, die Sponsoren: Ohne sie wäre nichts gelaufen. Viele haben bei der Renovierung der Räume geholfen oder Möbel zur Verfügung gestellt, so der Verein „Perspektive“ aus Hohenroda (Kreis Nordsachsen), der Möbel aus Büro- und Wohnungsauflösungen aufarbeitet. Zwei weitere Sponsoren hebt Hans-Reinhard Günther besonders hervor, beide halfen mit Geld aus: der St.-Benno-Verlag und das Leipziger Institut für Marktforschung. Die Initiatoren wollen auch noch an weitere potentielle Sponsoren herantreten. Für ein Jahr ist die Finanzierung des „Leib und Seele Treffs“ zunächst gesichert. Unter anderem durch Spenden, die für den im vorigen Jahr verstorbenen René Hampe, Autor des „Grünlings“, gedacht waren. Der Kirchenvorstand hatte einen entsprechenden Beschluss gefasst. Hans-Reinhard Günther ist sich sicher: „Damit wird das Geld weiterhin im Sinne von René Hampe verwendet.“ Darüber hinaus hofft er, dass die Gemeinden einmal im Jahr eine Kollekte für die Begegnungsstätte sammeln werden.
Das Gespräch mit Frauke Wiesmann und Hans-Reinhard Günther aus dem Leitungsgremium der neuen Begegnungsstätte „Lebens L.u.S.T.“ führte Alexander Schierholz, aus Glocke 82