Geschichte der Hainkirche

            Als spätestens im Jahr 1337 Hänichen erstmals eindeutig urkundlich überliefert wurde, gab es eine Kirche am Ort bereits seit etwa 150 Jahren. Einst im 8. Jh. hatten Sorben die Aue der Weißen Elster besiedelt, und im 10.Jh. entstand in unserem Gebiet eine Großpfarrei. Sie reichte von wenigstens Oberthau (sorbisch: Ort des Dobrota) bis Wahren (Stelle, an der das Wasser wallt) und besaß ihr Zentrum in Schkeuditz (Siedlung der Leute des Skuda). Seit dem 12. Jh. erschienen verstärkt deutsche Kolonisten Sie legten zwischen den kleinen sorbischen Weilern Quasnitz (Siedlung auf saurem Boden) und Modelwitz (Ort im feuchten Gelände) eine Rodung an. Das Ergebnis dieses Vorganges bezeichnete man häufig als Hagen (das Umhegte) bzw. Hain, und wenn es sich um kleinere Ausmaße handelte, sagte man, wie in unserem Fall, Heynichen (1337), das heißt kleiner Hain (vgl. andere Beispiele in Sachsen). Zugleich wurde in das Dorf, wie man es aus der bisherigen Heimat gewohnt war, eine eigene Kirche hineingestellt. Zu ihrem Einzugsgebiet gehörten außerdem die später wüst gewordenen Siedlungen Kaltenborn (dort schon sorbische archäologische Funde) und Haidemark (-dorf ?) sowie Quasnitz.
            Wie anderswo errichtete man vielleicht auch in Hänichen zunächst eine Holzkirche. Dagegen stammt der erste in Stein aufgeführte und bis heute weithin vorhandene Bau wohl noch aus der Zeit vor 1200. Als Nachweis dafür dienen die in drei Beispielen sichtbar erhaltenen typisch romanischen Rundbogenfenster in der Süd- und Nordwand und vermutlich das obere im Westgiebel. Die Kirche war turmlos und ähnelte darin, wie übrigens auch in ihrer Größe, der herrschaftlichen Kirche Wahren. Ein weiteres romanisches Fenster, das alte Giebelkreuz und das Portal mit seinem halbrunden Bogenfeld, geschmückt durch ein Kreuz, gingen bei dem Umbau von 1905/06 verloren. Während dieser Baumaßnahmen ergab sich überraschend eine Auskunft zum ursprünglichen Weihenamen des Gotteshauses. Ein im ehemaligen Hauptaltar aufgefundener, 1321 (!) datierter Pergamentstreifen benannte neben Maria den Märtyrer Vincentius (gest. 304) als wichtigsten Schutzheiligen. Von einer angeblich romanischen Wehrkirche, auch wenn das Gelände daran denken lässt, kann man aufgrund der Baumerkmale nicht sprechen. Richtig ist der Sachverhalt einer letzten Zuflucht. Ein früher Herrensitz ist nicht beweisbar. Das Recht der Stellenbesetzung lag anscheinend von alters her beim Pfarrer von Schkeuditz.
            Eine maßgebliche Modernisierung erfuhr die Kirche in der Zeit um 1500. Damals wurde der verlängerte, noch jetzt vorhandene Ostabschluss angebaut, versehen mit dem ebenfalls erhaltenen aufwändigen, 1906 auf die Südseite versetzten Sakramentshaus. Hinzu kamen außerdem ein kräftiger Dachreiter (Datum der Glocke 1494) und eine Sakristei. Auch die Stiftung des bis heute benutzten kostbaren Abendmahlkelches fiel in diese Epoche.
            1537 wurde erstmals eine kirchliche Verknüpfung mit dem Rittergutsdorf Lützschena hergestellt. Auf bischöfliche Anordnung hin sollte künftig der Pfarrer von Hänichen aus die Pfarrei Lützschena mitverwalten. Doch schon 1562 bei Durchführung der Reformation, und sicher nicht ohne Zutun der Rittergutsherrschaft, wurde diese Regelung dahingehend abgeändert, dass der Pfarrer als Sitz Lützschena zugewiesen bekam, dagegen der Küster, der zugleich der Schulmeister für Hänichen, Quasnitz und Lützschena war, das bisherige Pfarrhaus in Hänichen bezog. Politisch blieben Lützschena und Hänichen mit Quasnitz getrennt. Kirchlich aber begann ein zumeist respektiertes Miteinander, das sich gemeindepraktisch bis heute fortsetzt. Bis in das 20. Jh. war es zudem üblich, dass bei der Besetzung der gemeinsamen Pfarrstelle das Vorschlagsrecht wechselweise durch die Gutsherrschaft oder durch die jeweils Hänichen verwaltende Kirchenbehörde wahrgenommen wurde.
            Als 1905 für den inzwischen 700jährigen Baukörper eine Rekonstruktion anstand, entschloss man sich zu einer Erweiterung. Hinzugefügt wurde nunmehr ein stattlicher Turm, seitliche Anbauten mit eigenen Treppenhäusern öffneten das Schiff, die Sakristei wechselte ihren Platz. Wiewohl die Erweiterung in der Zeit des Jugendstils lag, wirkten seine Formen wenig prägend. Vielmehr griff man die überkommenen verschiedenen Stilepochen des Kirchengebäudes auf und entwickelte sie zeitgenössischem Geschmack folgend gleichsam weiter. Einen prächtigen Akzent setzten die in Glasmalerei ausgeführten Fenster. Doch sparsam blieb man, wie die Wiederverwendung der Kirchenschiffbänke auf den Emporen zeigt. Auch auf andere geschichtliche Zeugnisse, so die Kanzel, den Altar oder die spätgotische Sakristeitür, verzichtete man bewusst nicht. Als Ergebnis des Umbaues entstand 1906 ein erneuertes Gotteshaus, das für damaliges Empfinden eine gelungene historisierende Wohlfühlatmosphäre ausstrahlte. Eben diese interessante Verschmelzung von Altem und Neuen macht noch immer den Reiz dieser Kirche aus und ist der Anlass, dass diesem verhältnismäßig gut erhaltenen Ensemble das besondere Augenmerk der Denkmalpflege gilt.
 
Prof. Dr. Gerhard Graf, Leipzig-Wahren